Ganz entspannt durch's Wasser ziehen (c) MediterraSwimming
Ganz entspannt durch’s Wasser ziehen (c) MediterraSwimming

“Das will ich auch können” habe ich gedacht, als ich vor ein paar Jahren das erste Mal auf Youtube über Total Immersion gestolpert bin. Da glitten Menschen elegant und scheinbar mühelos durch’s Wasser, harmonisch, rhythmisch und friedlich. Mit dem kraftraubenden Abkämpfen, das ich aus dem Schwimmbad kannte, hatte das hier gar nichts zu tun.

Total Immersion wurde als Schwimm-Coaching-Methode von dem amerikanischen Schwimmtrainer Terry Laughlin entwickelt. Speziell für Triathleten und für Leute, die erst als Erwachsene Kraulen lernen.

Im Sommer habe ich es ausprobiert: Sechs Tage Schwimmcamp bei Matt Hudson von MediterraSwimming in der Türkei.

Immer langsam voran

Erste Übungen im Pool
Erste Übungen im Pool (c) MediterraSwimming

Los geht’s mit Übungen zur Wasserlage im Pool. “Superman” heisst die Stellung, in der man einfach nur auf dem Bauch liegt, die Arme breit nach vorn gestreckt, der Kopf entspannt wie auf einem Kissen.

Dann Gleiten auf einer Seite, dann auf der anderen. Aus dem Kopf strahlt ein Laserstrahl nach vorn.

Für jede Phase des Schwimmzugs gibt es eine Reihe von Übungen, so genannte „Drills“, die die Bewegung aufbauen. Diese führen wir erstmal seeeehr langsam aus, um genau zu beobachten, was welcher Körperteil eigentlich da tut.

Das Kaizen Prinzip

Erklärungen beim Total Immersion Camp
Erklären, Ausprobieren, Nachfragen (c) MediterraSwimming

Und überhaupt ist die Selbstwahrnehmung einer der wichtigsten Merkmale der Total Immersion Methode. Wir sollen selbst zu unserem eigenen Coach werden.

Mehr Verantwortung übernehmen für das eigene Training und die eigene Technik.

Und sie stetig verbessern. Kaizen beim Schwimmen, sozusagen.

Mir gefällt das, denn es heisst, nicht einfach nachzumachen, was der Coach sagt, sondern auszuprobieren, es auch in Frage zu stellen, nachzuhaken und für mich passend zu machen.

Nicht umsonst heisst der neue Slogan von Total Immersion “Swimming that changes your life”.

Nach und nach setzen wir an den nächsten Tagen den gesamten Bewegungsablauf zusammen. Ganz langsam und Stückchen für Stückchen.

Von Briefkästen, Eisenbahnschienen und faulen Unterarmen

Die typische Armstellung beim Total Immersion
Der faule Unterarm (c) MediterraSwimming

Bei jeder Übung gibt es mindestens einen Fokuspunkt, auf den wir einige Züge lang achten müssen. Und jeder Fokuspunkt ist mit einem Bild versehen.

„Lazy Forearm“ oder fauler Unterarm heisst es, wenn der vordere Arm wartet, bis der zweite über dem Wasser schwebt. Beim Eintauchen muss die Hand durch einen Briefkastenschlitz, um dann wie auf Eisenbahnschienen nach vorn zu gleiten.

Coach Matt ermuntert uns, uns selbst solche Gedankenstützen auszudenken, schließlich sollen wir ja auch Spaß an der Sache haben. Ich werde zu John Travolta, wenn ich mich von der linken Hand bis zur rechten Fußspitze lang mache.

Widerstand zwecklos

Jeder Teil der Bewegung wird geübt (c) MediterraSwimming
Jeder Teil der Bewegung wird geübt (c) MediterraSwimming

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Wir planschen nicht wild herum und hinterlassen keine Sprudelwellen.

Klar, erklärt Matt, wir wollen ja so wenig Energie wie möglich verschwenden. Je mehr Energie man dafür aufwendet, Wasser zu quirlen und in alle möglichen Richtungen zu bewegen, desto weniger hat man für die Fortbewegung übrig. Klingt logisch.

Oberstes Ziel ist es also zunächst, dem Wasser weniger Widerstand entgegenzubringen. Wir experimentieren herum, um selbst zu spüren, in welcher Lage und bei welchen Bewegungen der Körper mehr Widerstand hervorruft.

Für mich ist das ziemlich neu, habe ich doch immer nur gelernt, dass ich mehr Kraft brauche.

Auch die Beine brauchen hier nicht zu strampeln. Der Beinschlag ist eher eine kurze Scherenbewegung, die die Drehung im Oberkörper unterstützt.

Die Kraft die aus der Mitte kommt

Und irgendwann, am vierten oder fünften Tag, kommt der magische Moment: Eine leichte Bewegung in der Hüfte, der Torso dreht sich, das rechte Bein drückt etwas nach unten, der Arm zieht nach und du gleitest dahin. Friedlich und harmonisch.

Bei Total Immersion lernt man, die Bewegung aus der Körpermitte zu steuern. Der Core ist Motor und Kurbelwelle zugleich, und wir ziehen Diagonalen von der linken Finger- bis zur rechten Zehenspitze und umgekehrt.

Und da, im Core, sitzt viel mehr Kraft als in Armen oder Beinen. So dass man länger schwimmen kann.

Länger mit weniger Kraft schwimmen

Weiter schwimmen
Und jetzt zu der kleinen Insel dahinten (c) MediterraSwimming

Ob das stimmt, können wir gleich ausprobieren: Insel anvisieren und los geht’s, 1,5 km durch’s Meer, fast ohne Pausen. Ruhig, gleichmäßig und ohne hektisches Nach-Luft-Schnappen.

Anstrengend ist es übrigens trotzdem, aber es ist nicht mehr das komplette Auspowern wie früher.

Und auch im Stresstest zeigt sich: Es funktioniert. Beim Triathlon ein paar Wochen später bin ich zwar nicht hyperschnell, aber sehr entspannt im Wasser und habe reichlich Power für die nächste Etappe.

Das ist erst der Anfang

Das TI Zertifikat ist erst der Anfang (c) Mediterra
Das TI Zertifikat ist erst der Anfang (c) Mediterra

Und gleichzeitig ist klar: Das Camp ist erst der Anfang. Jetzt heisst es üben, verfeinern und den eigenen Körper neu kennenlernen. In jeder Technik-Session entdecke ich etwas Neues. Ein Bein bewegt sich anders als das andere. Ein Arm taucht tiefer als der andere.

Ich genieße es jedes Mal, ohne Hecheln und Keuchen durch’s Wasser zu ziehen. Ich bin noch weit weg davon, perfekt zu sein. Und auch an der Schnelligkeit gibt es einiges zu tun.

Das Schöne ist: Ich kenne jetzt einen Weg dahin, der mir Spaß macht. Und den ich in meinem Tempo beschreiten kann.

Es ist, als hätte sich das Tor zu einer neuen Welt für mich aufgetan.

Ist Total Immersion auch etwas für dich?

Am besten machst du dir selbst ein Bild. Dazu noch folgende Überlegungen:

  • Total Immersion ist darauf angelegt, Kraft sparend zu schwimmen. Man muss nicht super fit sein, um es zu lernen und Spaß am Schwimmen zu entwickeln.
  • Total Immersion ist als Self-Coaching Programm konzipiert. Das heisst, es fordert viel von dir, macht dich aber auch trainingstechnisch selbständig.

Dazu gibt es eine Reihe an Lehrvideos und Büchern. Mit Total Immersion übst du, bewusst die eigene Körperform und -haltung wahrzunehmen und zu verbessern.

Das ist einerseits gut, hat aber auch seine Einschränkungen, weil man nicht alles selbst sieht und spürt. Gelegentlich mit einem Coach zu arbeiten und die Technik per Video zu analysieren, ist sicher sinnvoll.

  • TI Coaches sind im deutschsprachigen Raum dünn gesäht, es gibt jedoch einige in Großbritannien und einige, die Schwimmcamps in südlichen Ländern anbieten.
  • Wie alle Methoden, die von einer Person entwickelt und zur Marke ausgebaut wurden, ist TI nicht unumstritten in der Szene (jedenfalls nach den Diskussionen in diversen Foren zu urteilen).
  • Da TI sich nicht mit den üblichen Trainingsmethoden und -übungen deckt, dürfte es in einer normalen Trainingsgruppe oder im Verein schwer sein, dabei zu bleiben, gerade wenn man sich seiner Sache noch nicht sicher ist.
  • TI ist keine Quick-Fix Methode. Zunächst mal lernt man, mit weniger Widerstand zu schwimmen. Und das eben sehr sehr langsam. Um schneller zu werden, ist im zweiten Schritt gezieltes Tempotraining nötig.
  • TI erfordert eine Menge an Aufmerksamkeit und Fokus. Einfach so dahin zu schwimmen macht wenig Sinn, denn so verfestigen sich unter Umständen suboptimale Bewegungen. Man muss also bei jedem Training total präsent sein.

Anschauen, ausprobieren?

Hier ist die offizielle Seite von Total Immersion

Mediterra-Swimming veranstaltet Schwimmcamps von Mai bis Oktober in der Türkei. Dazu gibt es ein ausführliches Schwimm-Blog von Matt Hudson.

Und hier ist die offizielle Liste mit TI Coaches

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Irene

Irene läuft, schwimmt und fährt Fahrrad. Das Motto für 2018: Train smarter. Seit kurzem lässt sie sich dabei von einer Trainerin unterstützen. Im echten Leben macht Irene Marketing und lebt mit ihrem Mann und zwei Jungs in Berlin.

9 Comments

  1. Thies Harms

    Hey,
    guter Erfahrungsbericht, habe mir vor kurzem das Buch gekauft und will da jetzt einsteigen.

    Eine kurze Frage, ich habe in einem anderen Artikel gelesen, dass du aus Berlin kommst. Ich bin recht neu dort und auf der Suche nach einem See in dem man gut Freiwasserschwimmen kann. Besonders im Neo, bin aber bisher noch nicht so wirklich fündig geworden außer die üblichen überfüllten Strandbäder. Hast du vllt einen Tip?

  2. Irene

    Willkommen in Berlin! Ich schwimme am liebsten im Strandbad Wannsee, im Wasser, draußen bei den Bojen, ist es auch bei heißem Wetter nicht zu voll. Gut mit der S-Bahn erreichbar ist auch der Schlachtensee. Und mit Auto der Liepnitzsee nahe Wandlitz. Bei beiden lohnt es sich, ein bisschen um den See herum zu gehen, dann findet sich immer eine ruhige Stelle zum Einsteigen. Weiter drinnen im See ist es dann eh ruhig und leer. Auch im Tegeler See kann man gut schwimmen, mit mehreren Badestellen. Viel Spaß! /Irene

  3. Paul Wolff

    Hallo Irene,
    bin auf deinen Bericht durch die Suche nach ” TI Berlin” gestoßen. Sehr schön, hört sich so an als ob das viel Spaß gemacht hat! Eine Freundin (Ironwoman) und ich (Tri-Newbie) sind auf der Suche nach einem TI-Coach hier in Berlin… Kannst du uns weiterhelfen?
    Falls nicht – hast du nach den Videos oder den Büchern trainiert?
    Danke für ein kurzes Feedback!
    Paul

  4. Irene

    Hallo Paul, soweit ich weiss (und laut TI Coach Matt) gibt es in Berlin leider keinen TI Coach, jedenfalls keinen, der unter dem Label operiert. Es gibt noch Pawel Lewicki in Polen, der gelegentlich Workshops in Poznan anbietet, also nicht so weit weg. Ansonsten versucht eine Bekannte von mir, Tracey Baumann aus England für ein TI Wochenende nach Berlin zu locken – wenn es klappt, sagen wir gerne Bescheid.
    Ich habe hauptsächlich mit den Videos trainiert, die Bücher als Ergänzung gelesen. Finde jedoch, dass der Blick von außen extrem hilfreich ist, d.h. ich würde ein Camp zum Start empfehlen und dann vielleicht ab und zu ein Video machen und vom Trainer remote analysieren lassen. Beste Grüße! Irene

  5. Hallo Irene, in der Tat gibt es mehrere Total Immersion Coaches in Deutschland. Als Zertifizierter TI Coach bin ich fast Bundesweit unterwegs, und ichkannschwimmen.de und TI Berlin ist momentan niocht von meinem Kollege Markus besetzt da er im Ausland ist. (Uebringes haben wir unsere Pruefung bei Mat und Tracey gemacht. Gruss Heiko

  6. Irene

    Hi, danke für den Hinweis. LG, Irene

  7. @heiko
    hallo heiko, ich lese du bist bundesweit als TI coach unterwegs.
    kannst du mir einen tipp geben für die region frankfurt (hessen)
    wo kann ich hier einen kurs finden.
    danke
    hannes

  8. Christina

    Liebe Irene,

    ich möchte TI gerne mit einem Coach lernen. Ist es Dir gelungen, Tracey Baumann nach Berlin zu locken?

    Viele Grüße,

    Christina

  9. Irene

    Hi Christina, leider noch nicht. Am einfachsten ist wahrscheinlich eins der mehrtägigen Camps, von Matt in der Türkei oder anderen Coaches in Europa. Viel Erfolg und viele Grüße, Irene

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